Gitarre spielen lernen in 3 Tagen…

…und alles was dazu gehört!

Aus der persönlichen Sicht von Thomas Schwieger

Irgendwann habe ich mal in der Musikschule auf einem Plakat gelesen: Gitarren spielen lernen in 3 Tagen. Und habe mir nichts dabei gedacht. Dann irgendwann hat mir meine Klavierlehrerin den Musikschulreport in die Hand gedrückt. Ich las: Gitarren spielen lernen in drei 3 Tagen, und habe mir nichts dabei gedacht. Irgendwann hatte ich dann den Telefonhörer in der Hand und sprach mit Frau Rohrbach. Und ohne nachzudenken hatte ich mich dann für einen Kurs in den Ferien angemeldet: Gitarren spielen lernen in 3 Tagen. Wie konnte ich mich nur zu so etwas hinreißen lassen!?

Nun gut, ein Mann ein Wort, ich komme. Wohin!? — Nicht nach Königsdorf!? Nach Weidenpesch!? Wo liegt denn das? Ah — wie weit ist das mit dem Fahrrad weg? "…sehr weit", entgegnete mir Frau Rohrbach. Und ich stand vor einem Problem (ich habe als fast 20jähriger noch keinen Führerschein).

Es ist Freitag, der 17. Oktober. Ich stecke im vollen Vorbereitungsstress. Heute nachmittag um 17.00 Uhr beginnt mein Gitarre-spielen-lernen-in-3-Tage-Kursus. Neben beruflichen Dingen die ich erledigen mußte, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie ich denn nun nach Weidenpesch komme. Lösung: Die Straßenbahn. Welche auch direkt vor meiner Haustüre hält — wie praktisch. Wann fährt meine Bahn? — 16.19 Uhr — dachte ich — denkste — 16.14 Uhr. Ich hörte nur das grollen und quietschen unserer Linie 2, krallte mir die Mappe, eine Jacke, und lief der Bahn hinterher. Glück gehabt — Notknopf drücken — und rein! Gerade noch rechtzeitig. Den Stadtplan habe ich natürlich vergessen. Wird schon schiefgehen.

Ich stieg dann also am Rudolfplatz aus und wollte in die U-Bahn umsteigen. Es dauerte etwas, aber ich fand dann doch noch den Eingang in den Untergrund. Und mein Unbehagen löste sich in Wohlgefallen auf. Bis zu dem Moment, wo ich etwas quietschen hörte. Sie können es sich schon denken. Es war meine Linie 6, die ich zu verpassen drohte. Die Treppe heruntergewetzt. Notknopf gedrückt — und ich hechtete auch diesmal erfolgreich in die Bahn hinein. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.

Gitarre lernen in der Gruppe16.59 Uhr. Ich betrat nach erfolgreichem Umherirren die Musikschule Rohrbach in Weidenpesch. Und nun saßen wir da, 15 Weiblein und Männlein unterschiedlichen Alters. Was aussah wie einer meiner Kurskollegen, stellte sich dann als Lehrer vor: "Hallo mein Name ist Markus Steinseifer, und das ist eine Gitarre…" Das Eis war gebrochen. Markus stimmte erst einmal die Gitarren. Und Frau Rohrbach verteilte die Blätter mit jenen kryptischen Strichzeichnungen, zu deren Entschlüsselung wir alle hochmotiviert waren. Neben der Gitarre an sich lernten wir natürlich auch ein paar Akkorde kennen, wie man Takte zählt, die richtige Handhaltung, und dann haben wir zart die Saiten "gestreicht". Oha!! — Das üben wir noch einmal.

Das mit dem Takte zählen sollte uns noch etwas verfolgen. Schließlich teilte Markus unsere Runde in zwei Seiten. Die links spielen A-Moll, die rechts spielen G-Dur. Das war doch klar formuliert — oder? Wo war noch mal die Mitte — Egal! Und wir spielten "Lady in Black" gemeinsam. Na ja — alle gemeinsam, aber jeder für sich. Takte zählen ist halt eine reine Interpretationssache. Und nach dem wir geklärt hatten, wer welchen Akkord zu welcher Zeit spielt, setzten wir erneut an… und das Ergebnis konnte sich hören lassen. Dann meinte Markus, er würde jetzt die Melodie singen und wir müßten selbst zählen. Uijuijui, die argwöhnischen Blicke nahmen zu. Doch man sollte es kaum glauben, der Mann konnte singen, und das ziemlich gut. Allerdings konnten wir nicht zählen. Arrrg. Nach einigem üben, meisterten wir auch diese Hürde mit Bravour.

"Tom Dooley" hätte bei uns keinen Grund gehabt den Kopf hängen zu lassen und zu schreien. Es hörte sich ziemlich gut an! Jetzt aber erst einmal Pause. Lockern war angesagt. Jeder reckte und streckte sich. Vor allem die Hand wurde kräftig massiert. Kampf und Krampf beherrschten die linke Hand. Besonders die Saiten hatten es den Fingerkuppen angetan. Diese wechselten unaufgefordert die Farbe von zartrosa über blutrot in bluesblau. Auch leichte Verspannungen im Rücken machten sich auf einmal bemerkbar. Doch keiner wollte aufgeben, Der Schmerz wird schon vergehen! Jetzt erst recht!

Einer hatte ein kleines Plättchen dabei und fragte wofür dies gut sei. Nach kurzer Erklärung seitens des Lehrers, setzte bei allen der Verstand aus und der Kaufrausch ein. Die Schmerzen waren vergessen. Und da kam auch schon Frau Rohrbach (rein zufällig) mit einer Auswahl an Plättchen (Plektron) angelaufen. Dies hatte den Vorteil, dass wir uns zumindest nicht die Haut auf dem rechten Daumen abschmirgelten. Nachteil… nein es gab keine Nachteile. Nur Positives. Zum Beispiel konnten wir jetzt lauter spielen und unsere Fehler besser hören, und die Fehler unseres Nachbarn und… Wir waren hellauf begeistert. Selbst die Anwohner freuten sich (nachdem wir die Fenster geschlossen haben).

Mit diesen Erfolgserlebnissen wurden wir fürs erste entlassen. Auch ich persönlich hatte ein Erfolgserlebnis: Kurskollege Arnim hat mich auf dem Nachhauseweg in Richtung Frechen im Auto mitgenommen. Hauptthema unseres Gesprächs im Auto war natürlich die komplizierte Anfahrt (Er hatte auch leichte Schwierigkeiten). Aber jetzt wissen wir ja wie wir dorthin kommen. (Dies sollte sich noch als bloßes Gerücht herausstellen.)

Tag Nummer zwei bricht an. Oh, Gott. Ich arme Socke muß um 8.30 Uhr aufstehen. Mir tut die Hand weh. Und der Rücken. Nach dem Kurs gestern Abend hatte ich noch in einem Karnevalsverein einen Tanz geprobt. Ich ließ mich also von dem Bett auf den Boden plumpsen und rappelte mich langsam hoch, denn Arnim kommt mich um 9.15 abholen.

Die Hinfahrt war ziemlich ruhig, das heißt wir waren beide noch ziemlich verschlafen. Wir waren uns unschlüssig darüber, wie wir nun nach Weidenpesch fahren.

Über die Autobahn oder über die "Ringe". Im Radio quäkte einer vor sich hin mit dummen Sprüchen. Dieser Mann gab auch die Staumeldungen durch: "Da Stau… und da Stau… und Stau auf der A1, wo genau weiß ich allerdings nicht…" Ich habe das für einen Gag gehalten. Wir belegten gleich zwei Autobahnspuren. Wir waren nämlich immer noch unentschieden, wo wir jetzt lang fahren. Biegen wir jetzt ab? — Nein. Wir bleiben auf der Autobahn! So sind wir schneller am Ziel.

Wenn der Radiosprecher nicht wußte, wo der Stau auf der A1 war, wir wußten es — jetzt. Wir waren sozusagen live dabei. Jetzt irgendwie von der Autobahn runter. Und dann? Wir beide — die absoluten Köln-Kenner — fuhren einfach Kurs Nord-Ost. Irgendwann würden wir in Weidenpesch ankommen.

Markus Steinseifer gibt HilfestellungWir hatten nur 10 Minuten Verspätung. Markus war immer noch bei seiner Lieblingsbeschäftigung Gitarren stimmen. So ein japanisches Harakiri-Modell hatte aber auch schwer zu leiden. Kampflos ergibt sich eine solche Gitarre aber nicht. Auch wir leideten. Blutergüsse an den Fingerkuppen. Mein Nebenmann, Bernd gab, im zärtlichen, ausdrucksvollen, säuselnden Stil einer "SchwerMetall" Band namens Ramstein, das Wort: "Schmerrrrrrrrz" von sich. Das sprach für sich. Und jeder fühlte mit ihm.

Noch das schreckte keinen ab mit wachsender Begeisterung dabei zu sein. Markus kam während des Geklimpers und Geklampfes kaum zu Wort. Ein paar neue Akkorde. Ein paar neue Rhythmen. Und die nächsten Lieder wurden in Angriff genommen. Da ich schon einige Jahre mit Musik zu tun habe, fielen mir die Erklärungen von Markus sehr leicht. Ich nutze meine Zeit den ominösen Akkordwechsel zu üben. Gar nicht einfach. Aber kein Problem für mich.

Wir setzten alle ein und… jetzt den Akkord, umgreifen Zeigefinger da, Mittelfinger da, Ringfinger da und schlagen… toll, der erste Wechsel ist mir geglückt… wo sind wir jetzt… aha da… schnell, umgreifen… 4 Takte hintereinander. Ich spielte mit großer Begeisterung und auch richtig laut. Markus zwinkerte mir zu und ich war glücklich, wie toll doch alles klappt. Dann hörte ich was ich spielte. Total danebengegriffen. Auch du Sch… Alles grinste mich an. Damit hätte ich dann das Fettnäpfchen des heutigen Tages erwischt. Klasse!!!

Damit nicht genug, ich konnte es nicht sein lassen mich in das Rampenlicht zu befördern. Also habe ich, während des nächsten Liedes einen Akkord gespielt, der keinem von uns zugewiesen worden ist — zu kompliziert. Bei mir klappte das wunderbar. Ergo hatte Markus mir dann diesen einen Akkord zugewiesen. Ein Traum geht in Erfüllung. Alles zählt auf mich. Ich, stolz wie Oskar, würde ein Gitarrensolo à la Alan Baker vorführen. Einen ganzen Takt lang (von 39 Takten). Das Spiel beginnt, gleich bin ich dran. Auf einmal hören alle auf… ich hatte meinen Einsatz verpennt! Fettnäpfchen Nummer 2. Damit war ich bedient!

Rock'n'Roll war angesagt, eh geil eh. Und dann zupfen — noch toller. Wir hatten eine tolle Stimmung in unserer Gruppe. Traurig naht das Ende des Zweiten Tages. Könnte meine Hand reden, würde diese sagen "endlich". Auf dem Nachhauseweg prägten Arnim und ich uns die Strecke genau ein. Morgen kommt er mich dann um 9.15 Uhr wieder abholen.

Sonntag morgen, es war noch eine lange Nacht geworden. Mit Kino und allem drum und dran. Es ist 8.30 Uhr. Ich schaue meinen Wecker an. Es ist 8.40 Uhr. Ich schaue meinen Wecker an. Es ist 9.05 Uhr. Ich… bin wach!!! Hektik pur, ich fiel über meine Schuhe, stürmte ins Bad und friemelte mich anschließend in meine Sachen. Wetzte die Treppe 'runter. Stopfte eine Banane in mich hinein. Ging hinaus und stieg anschließend ins Auto von Arnim hinein.

Nach diesem Hallo-Wach-Marathon fuhren wir ohne große Probleme die Musikschule in Weidenpesch an. Man beachte: Ohne diverse Umwege pünktlich angekommen!

Und es sollte ein schöner letzter Tag werden. Markus hatte übrigens auch nur 2 Stunden geschlafen. (Er sah relativ gut aus!) Nachdem er dann wieder mal die Gitarren gestimmt hatte, hieß es: Heute spielen wir mal eine Melodie, keine Begleitung. Die "Spanische Romanze" klang zwar alles andere als romantisch. Aber in unseren Ohren klang es, als würden die alten Meister selbst spielen. Der Begeisterungssturm und der Applaus von Frau Rohrbach (einzige Zuhörerin) fand kein Ende.

Übrigens das Ende vom Lied: Neben Klavier spiele ich neuerdings mit großer Begeisterung Gitarre, trotz der anfänglichen Schmerzen (Was uns nicht tötet, macht uns hart). Und ich nehme jetzt auch Gitarren-Unterricht. Bernd und Arnim übrigens auch.

Fazit: Es hat ungeheuer viel Spass gemacht!!!!

Hinweis der Musikschule:

Dieser Workshop war ein besonderes Wochenendangebot und wird nicht ständig angeboten. Wenn wir wieder einen solchen Kurs anbieten, finden Sie ihn unter "Termine".